10. Juli 2014

Die sportlichen Herausforderungen eines Wellness Testers oder die hohe Kunst des Walking

Der Wellness Tester per se ist nicht unbedingt von Natur aus mit einer besonderen sportlichen Begabung gesegnet – auch wenn er sich oft in  den schönsten Destinationen der Welt befindet und sich ihm sportliche Gelegenheiten wie Skifahren, Mountainbiken, Tauchen oder Joggen im wahrsten Sinne des Wortes vor die Füße werfen. Natürlich lässt er sich hin und wieder zu einer Schnorchel-Exkursion auf den Malediven, einem Segel-Törn an der dalmatinischen Küste Kroatiens oder auch einigen Schwimmzügen im mollig warm beheizten Outdoorpool verschneiter Hotels hinreißen, allerdings hört der Spaß für ihn bei gefährlich anmutenden Sportarten, bei Leibesertüchtigungen mit übermäßig kompetitiven Charakter oder einer Körperkultur, die eine eiserne Disziplin erfordert, auf.

Nordic Walking

Denn eine höhere sportliche Ambition wurde dem Wellness Tester  bereits im zarten Alter von 13 Jahren geraubt. Die sportliche Entmutigung erfolgte stufenweise: Während er in der Grundschule noch  Ehrenurkunden erlief, ersprang und erschwomm, erfuhr die sportive Euphorie einen ersten Dämpfer beim Stab-Hochsprung. So plumpste er nämlich aus den scheinbaren Höhen des Himmels in eine Sandgrube,  in der die faulen Herrchen der Nachbarschaft ihre Vierbeiner Gassi führten. Ernüchternd wirkte sich auch das regelmäßige Übrigbleiben auf der Sportbank beim wöchentlichen Wählen der Basketball-Mannschaft aus. Doch das letzte Fünkchen athletischer Begeisterung wurde dem Wellness-Tester beim schulischen Bockspringen genommen. Wer einmal in seinem Leben mit mind. 20km / Stunde gegen einen nach Leder stinkenden Bock gerannt ist, weiß, dass er ab nun eine sportliche Karriere für sich im Leben ausschließen kann.

Nachdem der Wellness-Tester während des Studiums und den langen Jahren im Arbeitsleben zeitlichen Abstand zu den sportlichen Demütigungen seiner Jugend gefunden hat, tastet er sich mit einiger Vorsicht an das heikle Thema der Körperertüchtigung heran. Als weitgehend ungefährlich und als Wiedereinstiegs-Sportart geradezu prädestiniert, erschien dem Wellness-Tester und dessen ebenfalls sport-lethargischem Begleiter das Walking. Aufmerksam gemacht durch das Angebot eines exzellenten Hotels in Tirol, schrieben sich beide Wellness-Tester sogleich in den vielversprechenden Anfänger Walking Kurs ein. Mit der freudigen Erwartung, sich nicht nur gesund und sportlich zu bewegen, sondern auch die Schönheiten der Tiroler Bergwelt zu erkunden, erschienen beide Tester ausgelassen und fröhlich zu ihrer ersten offiziellen Walking-Stunde. Die Teilnehmerzahl des Einführungskurses war recht übersichtlich und beschränkte sich lediglich auf die beiden Wellness-Tester, eine sympathische Dame um die 70 und die Kursleiterin Siglinde. Hoch motiviert, bewaffnete sich die kleine Truppe mit Stöcken und Handschuhen und folgte Siglinde in den Garten des Hauses, um von dort zu Fuß die Tiroler Bergwelt zu bezwingen. So dachten sich jedenfalls die beiden Wellness-Tester, die fest entschlossen waren, heute ihren verloren gegangenen sportlichen Stolz wiederzuerlangen. Doch Siglinde hatte anderes mit den Frischlings-Walkern vor: Nämlich zunächst einmal einige Trockenübungen im Garten vor dem großen Ruhe-Pavillon des Wellness-Refugiums. Gefolgt von den amüsierten Blicken, der Hotel-Gäste , war die erste Aufgabe, die es zu bewerkstelligen galt, in die Walking-Handschuhe zu schlüpfen und den richtigen Umgang mit den Stöcken zu üben.

Die Wellnesshotel-Tester kapitulierten vor den Walking Stöcken

Voller Elan versuchten die Tester ihre Handschuhe überzustreifen, doch es hakte und zwickte an allen Ecken und Enden und die so trivial lautende Ansage „Schlüpft in Eure Handschuhe“ gestaltete sich schwieriger als anfänglich gedacht und drohte bereits die gesamte „Operation Walking“ zu gefährden. Nach einigem hin und her kapitulierten die Wellness-Tester und baten Siglinde um ihre fachkundige Hilfe. Kopfschüttelnd und schon ein wenig in Rage, entgegnete Siglinde mit ironischstem Unterton, ob die Tester sie denn auf den Arm nehmen wollten, denn bisher hätten es alle Teilnehmer ihres Kurses geschafft, die Hürde des Handschuhe Anziehens erfolgreich zu überwinden. Die Tester verneinten verlegen und gaben zu verstehen, dass sie tatsächlich Siglindes tatkräftige Unterstützung benötigten. Siglinde half den Testern widerwillig und nun hieß es mit Schwung die ca. 6 m lange Anfänger Walking-Fläche vor dem Wellness-Refugium fachgerecht zu „erlaufen“ und dabei die Stöcke rhythmisch vor und zurück zu schwingen. Dies erschien den Testern kinderleicht, denn die 70 jährige Mitstreiterin ging bereits in die fünfte Walking-Runde. Doch schon bei den ersten Stock-Schwüngen schrie die mittlerweile fassungslose Siglinde die beiden Tester an, dass dies keinesfalls die richtige Walking-Stock-Schwung-Technik wäre und man ihren Ausführungen doch aufmerksamer folgen solle. Als sich dann bei dem einen Wellness-Tester in der Aufregung der Handschuh löste und er über einen seiner beiden Stöcke fiel, verlor Siglinde jegliche Contenance und entgegnete fassungslos, sie habe noch niemals in ihrem Leben als Walking Lehrerin zwei so „patscherte“ Leute wie die beiden Wellness Tester gesehen und sie müsste an dieser Stelle den Walking Kurs leider abbrechen. Zutiefst gekränkt und beleidigt fügte sie noch hinzu, dass sie wirklich das Gefühl habe, von den beiden Testern verhohnepipelt zu werden. Nun wurden die Tester noch verzweifelter, denn ihre traumatischen Jugend-Erlebnisse drohten sich, 20 Jahre nach dem Schulsport, zu wiederholen und sie versicherten Siglinde, dass sie es niemals wagen würden, sich mit ihr einen Spaß zu erlauben und sie baten sie für Ihre Walking-Unfähigkeit offiziell um Verzeihung. Mit diesen letzten Sätzen wurde der Walking-Kurs abgebrochen und die beiden Tester begaben sich auf einen langen Spaziergang und erkundeten zu Fuß, allerdings ohne zu walken, die Schönheiten Tirols.

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Autor: Emily am 10.07.2014 um 11:34